Trotz Foltervorwürfen und Polizeigewalt Gabriel nennt al-Sisi “beeindruckenden Präsidenten”
ARD Berlin /Rom.Stand: 17.04.2016 17:04 Uhr
Bundeswirtschaftsminister Gabriel hat den umstrittenen ägyptischen Machthaber al-Sisi einen “beeindruckenden Präsidenten” genannt. Dabei werden aus dem Land massive Menschenrechtsverletzungen gemeldet. Erst im Januar war ein Italiener zu Tode gefoltert worden.
Vizekanzler Sigmar Gabriel traut dem wegen massiver Menschenrechtsverstöße umstrittenen ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi eine Stabilisierung des Landes zu. “Ich finde, Sie haben einen beeindruckenden Präsidenten”, sagte Gabriel bei einer Pressekonferenz im Präsidialpalast. Mit Blick auf den Waffenschmuggel sei Deutschland bereit, Ägypten etwa bei der Sicherung seiner Grenze zu Libyen zu helfen. Kairo, das bereits vier deutsche U-Boote erhält, setzt auf deutsche Grenzschutzanlagen und Rüstungsgüter.
In Absprache mit Bundeskanzlerin Angela Merkel bot Gabriel zudem an, Deutschland könne als Vermittler gemeinsam mit der EU, dem Internationalen Währungsfonds und dem Pariser Club der Gläubigerstaaten nach Finanzierungslösungen für Kairo suchen. Die ägyptischen Währungsreserven sind arg geschrumpft, das Staatsdefizit ist gewaltig. Weil wegen der Terrorgefahr die Zahl der Touristen – auch aus Deutschland – eingebrochen ist, kommen zu wenig Devisen ins Land.
Italienischer Wissenschaftler zu Tode gefoltert
Gabriel sprach auch heikle Punkte an: So kritisierte der SPD-Chef deutlich die schlechte Menschenrechtslage und mahnte Verbesserungen für Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschafter, Presse und ausländische Stiftungen an. Hintergrund ist, dass in Ägypten derzeit Zehntausende Regimegegner in Haft sind. Italien hatteseinen Botschafter aus Kairo zurückgerufen, nachdem ein 28-jähriger italienischer Wissenschaftler in Kairo unter ungeklärten Umständen zu Tode gefoltert worden war.
Al-Sisi sei mit der Kritik “bemerkenswert offen umgegangen” und habe das Menschenrechtsthema von selbst angesprochen, sagte Gabriel. Ägypten habe sich auf den schwierigen Weg gemacht, das 90-Millionen-Land Schritt für Schritt zu demokratisieren. Deutschland und Europa hätten “ein Rieseninteresse daran, dass das Land stabil bleibt” – nicht zuletzt wegen der Flüchtlingskrise und des Kampfes gegen den islamistischen Terror.
Demonstrationen gegen Al-Sisi
Noch am Freitag waren landesweit Tausende Ägypter gegen al-Sisi auf die Straße gegangen. Der Präsident hatte bei der Opposition und Bürgern Empörung ausgelöst, weil Ägypten zwei strategisch bedeutsame Inseln am Golf von Akaba an Saudi-Arabien abtritt. Dafür gibt das saudische Königshaus weitere Milliarden-Finanzhilfen.
Gabriel wird auf seiner Nordafrika-Reise von fast 100 Wirtschaftsvertretern begleitet, die auf neue Großaufträge am Nil hoffen. Am Montag reist Gabriel nach Marokko weiter.
Nach Mord an italienischem Studenten Italien zieht Botschafter aus Kairo ab

Archiv /ARD/StudioRom Tilmann Kleinjung Stand: 08.04.2016 20:42 Uhr
Am 25. Januar verschwand in Kairo ein italienischer Student. Neun Tage später wurde er tot aufgefunden – mit Folterspuren. Kairo erklärte, er sei Opfer eines Verbrechens oder eines Unfalls geworden. Italien bezweifelt das und zog jetzt seinen Botschafter ab.
Auch ein Treffen von Kairoer Staatsanwälten mit italienischen Ermittlern in Rom brachte keine Lösung des Konflikts. Italien ist überzeugt, dass Ägypten nicht alles unternimmt, um den Mord an dem italienischen Studenten Giulio Regeni zweifelsfrei aufzuklären. Die italienische Regierung erklärt die Zusammenarbeit mit den ägyptischen Behörden für beendet und Außenminister Paolo Gentiloni beorderte den italienischen Botschafter aus Kairo zurück. “Zu Beratungen”, wie es heißt. Der 28-jährige Giulio Regeni war Anfang des Jahres neun Tage nach seinem Verschwinden ermordet an einer Autobahn am Stadtrand von Kairo aufgefunden worden. Sein Körper wies eindeutig Folterspuren auf.
Regeni recherchierte über die Rolle von Gewerkschaften
Die Familie Regenis und weite Teile der italienischen Öffentlichkeit sind fest davon überzeugt, dass der Mord an Giulio Regeni einen politischen Hintergrund hat. Der Student recherchierte im von Staatspräsident al-Sisi autoritär regierten Ägypten über die Rolle von freien Gewerkschaften. Al-Sisi hatte zwar versprochen “alles ans Licht zu bringen und die Wahrheit über den Mordfall herauszufinden”. Doch die Theorien, die das ägyptische Innenministerium zum Tathergang bisher geliefert hat, wirken eher wie der unbeholfene Versuch einer Verschleierung: Mal war es ein Verkehrsunfall, mal ein Bandenüberfall.
Ägypten ist wichtiger Handelspartner von Italien
An einer weiteren Verschlechterung der bilateralen Beziehungen kann aber auch Italien kein Interesse haben. Man schätzt al-Sisi als Stabilisator in der Region und als Verbündeten im Kampf gegen den Terrorismus. Außerdem ist Italien neben Deutschland der wichtigste europäische Handelspartner Ägyptens.



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