
Für den Missbrauch und Mord an den Jungen Elias und Mohamed ist Silvio S. schon verurteilt worden. Jetzt muss ein Revisionsprozess klären, ob der 35-Jährige nach seiner Haftstrafe im Gefängnis bleiben muss. Ein Psychologe kommt zu einem klaren Ergebnis. bild/Bild.de10.05.19 | 18:35 Uhr
Neuer Prozess um Sicherheitsverwahrung für Silvio S.
Revisionsprozess um Sicherungsverwahrung Psychologe sieht bei Silvio S. hohes Rückfallrisiko
Potsdam,-Für den Missbrauch und Mord an den Jungen Elias und Mohamed ist Silvio S. schon verurteilt worden. Jetzt muss ein Revisionsprozess klären, ob der 35-Jährige nach seiner Haftstrafe im Gefängnis bleiben muss. Ein Psychologe kommt zu einem klaren Ergebnis.
Nach Ansicht eines Psychologen ist der Mörder der beiden Jungen Elias (6) und Mohamed (4) auch weiter gefährlich. Bei dem 35-jährigen Silvio S. bestehe ein “hohes Rückfallrisiko”, sagte der Experte am Freitag im Revisionsprozess vor dem Potsdamer Landgericht. Zu dieser Einschätzung hätten ihn zwei sogenannte Prognoseverfahren in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Brandenburg/Havel gebracht, sagte der Psychologe. Er war als sachverständiger Zeuge geladen.
In dem Prozess geht es um die Frage, ob bei dem verurteilten Mörder ein Hang zu weiteren schweren Straftaten vorliegt und eine Sicherungsverwahrung erforderlich ist. Am 24. Mai soll das Urteil fallen.

Video. Brandenburg Aktuell | 10.05.2019 | Theresa Majerowitsch | Bild: dpa/Ralf Hirschberger
HINTERGRUND
von rbb/Dieter FreibergChronologie der EreignisseDie Fälle Elias und Mohamed
Sachverständiger bringt keine neuen Erkenntnisse
Neben dem Psychologen der JVA wurde am Freitag auch der Sachverständige erneut befragt, der im ersten Prozess das psychologisch-forensische Gutachten zu Silvio S. erstellt hatte. Der Sachverständige sagte, er könne nicht beurteilen, ob der 35-Jährige die Taten aus einem pädophilen Hang heraus begangen habe, da dieser nicht mit ihm über die Geschehnisse habe sprechen wollen.
Silvio S. hatte Elias und Mohamed im Sommer und im Herbst 2015 angelockt, missbraucht und getötet. Ende Oktober desselben Jahres wurde der damals 32-Jährige gefasst. Die Potsdamer Richter hatten ihn im Sommer 2016 wegen Mordes und Kindermissbrauchs zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie stellten auch die besondere Schwere der Schuld fest, was eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren sehr erschwert. Die Sicherungsverwahrung lehnten sie jedoch ab.
Die Staatsanwaltschaft Potsdam hatte gegen die Entscheidung zur Sicherungsverwahrung Revision beim Bundesgerichtshof (BGH) eingelegt, der dieser folgte. Nach Ansicht des BGH hatte das Landgericht Fehler bei der Gesamtwürdigung gemacht.
Gericht: “Keine eigene Wertung”
Der erste von drei angesetzten Verhandlungstagen geriet zunächst ins Stocken. Die Verteidigung des 35-Jährigen hatte einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Klaus Feldmann gestellt. Verteidiger Mathias Noll hielt den Richter für befangen, da dieser einem Schmerzensgeldantrag der Mutter von Elias in einem Hinweis Erfolgsaussichten eingeräumt habe. In dem Hinweis sah Noll eine Festlegung, die der Richter noch vor Beginn der Hauptverhandlung getroffen habe.
Das Gericht sah das anders: Er habe sich bei seiner Aussage lediglich auf die Feststellungen im ersten Urteil bezogen und “keinerlei eigene Wertung vorgenommen”, sagte Feldmann.
Der nächste Verhandlungstag ist für den 17. Mai angesetzt. aus der Sendung: Antenne Brandenburg, 10.05.2019, 17:00 Uhr

Bild: rbb/Dieter Freiberg
09.05.19 | 06:48 Uhr
Chronologie der Ereignisse, Die Fälle Elias und Mohamed
Vor etwa drei Jahren ermordete Silvio S. die beiden Jungen Elias und Mohamed. Im Juli 2016 wurde er vom Potsdamer Landgericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Eine Chronologie.
8. Juli 2015: Der 6-jährige Elias aus Potsdam verschwindet in der Nähe der elterlichen Wohnung. Seine Mutter alarmiert die Polizei.
9. Juli: Eine großangelegte Suchaktion beginnt, tausende Potsdamer schwärmen in den kommenden Tagen tagsüber und nachts durch die Straßen, Parks und Wiesen. Vor dem Bürgerhaus am Schlaatz, einem Potsdamer Neubaugebiet, tragen sich die Menschen in regelrechte Dienstpläne ein.
13. Juli: Von Hunden und Tauchern unterstützt läuft die Suche weiter auf Hochtouren, doch Elias bleibt verschwunden.
2. August: Die Ermittler haben den Großteil der Hinweise abgearbeitet. Es gibt noch immer keine heiße Spur. Die Soko “Schlaatz” wird verkleinert.
13. August: Der leitende Ermittler sagt in einem Interview, dass er nicht mehr damit rechne, dass Elias noch lebt. Alle Mülltonnen, Gullys, Schächte und Kleidercontainer seien durchsucht, 1.200 Nachbarn befragt, 107 einschlägig vorbestrafte Personen aus der Region Berlin-Brandenburg überprüft worden. Auch seien fast alle der rund 950 Hinweise aus der Bevölkerung abgearbeitet worden.
18. August: Eine Privatperson setzt 50.000 Euro Belohnung für Hinweise aus.

Hier wohnte Elias mit seiner FamilieBild: rbb Klaus Dieter Freiberg
4. September: Es gibt eine Spur: Die Polizei sucht nach einem dunklen Kombi. Bei der Auswertung der bislang eingegangen Hinweise hätten sich “mehrere, sich überschneidende Aussagen” ergeben.
1. Oktober: Der vier Jahre alte Mohamed verschwindet vor der zentralen Anlaufstelle für Flüchtlinge, am Lageso, in Berlin-Moabit. Seine Mutter habe ihn aus den Augen verloren, heißt es.
4. Oktober: Die Polizei lässt öffentlich nach Mohamed fahnden.
8. Oktober: Die Polizei veröffentlicht Bilder einer Überwachungskamera, die Mohamed mit einem mutmaßlichen Entführer zeigen. “Hinweise lassen vermuten, dass dieser Mann sich möglicherweise öfter auf dem Lageso-Gelände aufgehalten hat, deshalb sind unsere Hoffnungen groß, dass sich andere Menschen auch an ihn erinnern”.
9. Oktober: Die Polizei untersucht auch Zusammenhänge zum Fall Elias.
13. Oktober: Eine Sonderkommission für Mohamed wird eingerichtet, bis zu 50 Spezialisten sind dort tätig. 160 Hinweise gehen ein.
27. Oktober: Die Berliner Staatsanwaltschaft lobt eine 10.000€-Belohnung zur Überführung seines mutmaßlichen Entführers aus. Die Kriminalpolizei veröffentlicht zugleich von einer Privatperson aufgenommene neue Bilder des verdächtigten Mannes.
29. Oktober: Die Mutter erkennt ihren Sohn auf den Bildern der Überwachungskamera. “Warst Du es?” – “Ja”, antwortete der 32-Jährige Silvio S. und die Mutter verständigt die Polizei. Die Beamten finden Mohamed im Kofferraum eines Autos. Die Fahnder prüfen einen Zusammenhang mit dem Fall Elias.
30. Oktober: Der Entführer von Mohamed gibt auch zu, Elias getötet zu haben. Ermittler durchsuchen daraufhin eine Kleingartenanlage in Luckenwalde. Dort finden sie eine Leiche. Zwei Tage später steht – nach einer DNA-Analyse fest – dass es der vermisste Junge aus Potsdam ist.
5. November: Mohamed wird in Berlin-Gatow beigesetzt.

10. November: Silvio S. wird in die Justizvollzugsanstalt Brandenburg/Havel verlegt – getrennt von anderen Insassen. In Berlin-Moabit war er von einem anderen Häftling angegriffen und leicht verletzt worden. Die Ermittlungen in den beiden Mordfällen werden der Potsdamer Staatsanwaltschaft übertragen, weil die Tatorte in Brandenburg liegen.
18. November: Elias wird in Potsdam beigesetzt.
5. Februar: “Der Spiegel” berichtet, dass die Polizei erst nur gegen die Familie von Mohamed ermittelt haben soll. Am Tag nach der Entführung sei “nicht zweifelsfrei” festzulegen gewesen sei, “ob es sich tatsächlich um einen Vermisstenfall handelte”. Die Beamten hätten sogar vermutet, die Entführung sei vorgetäuscht, um die bevorstehende Abschiebung der bosnischen Familie zu verhindern.
14. März 2016: Die Staatsanwalt erhebt Anklage gegen Silvio S..
17. Mai: Der Prozess wird auf den 14. Juni terminiert. Bereits für den ersten Tag sind sieben Zeugen geladen. Ein Urteil soll Ende Juli fallen. Die Vorwürfe lauten auf zweifachen Mord zur Verdeckung einer Straftat, hinzu kommen Kindesentziehung und gefährliche Körperverletzung. In Bezug auf den vier Jahre alten Mohammed lautet der Vorwurf außerdem schwerer sexueller Missbrauch eines Kindes.
7. Juni: Es steht fest, dass es scharfe Sicherheitschecks beim Prozess geben wird. Vorkehrungen, die strenger sind als bei Verfahren gegen Rockerbanden.
14. Juni: Zum Prozessauftakt schweigt Silvio S.. Er will sich nach Angaben seines Verteidigers aber möglicherweise später zu den Vorwürfen äußern. Der Vorsitzende Richter appellierte an das Gewissen des 33-Jährigen, die Vorgänge durch seine Aussage aufzuklären. Es gebe zwei Mütter von getöteten Kindern: “Sie haben Anspruch darauf zu erfahren, was passiert ist. Es gibt nur einen, der das weiß.”

20. Juni: Am zweiten Prozesstag sagen die Kleingartennachbarn aus Luckenwalde aus und erinnern sich, dass Silvio S. mitten am Tag eine Grube auf seiner Parzelle aushob.
21. Juni: Die Nachbarn von Silvio S. aus Niedergörsdorf sagen aus, dass er in den vergangenen Jahren viel mit Kindern zu tun gehabt habe – auch als Babysitter.
27. Juni: Am vierten Prozesstag sagt die Mutter von Mohamed aus. Silvio S. schweigt weiter.
5. Juli: Am siebten Prozesstag kommen die Polizisten zu Wort, die Silvio S. am Abend nach der Festnahme vernommen hatten: Er habe in Bezug auf Mohamed sofort alles zugegeben.
12. Juli: Ein Gerichtsmediziner sagt vor Gericht aus, dass der Angeklagte nicht nur den vierjährigen Mohamed sondern auch den sechsjährigen Elias missbraucht habe.
18. Juli: Laut einem Gerichtsgutachter ist Silvio S. trotz einer Persönlichkeitsstörung schuldfähig.
26. Juli: Das Gericht unter Vorsitz von Richter Theodor Horstkötter spricht Silvio S. schuldig. Er wird wegen Mordes in zwei Fällen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Auch stellt die Kammer die besondere Schwere der Schuld fest, was eine vorzeitige Entlassung erschwert. Die Sicherungsverwahrung lehnten sie jedoch ab.
29. Juli: Die Staatsanwaltschaft legt Revision gegen das Urteil ein. Ein Sprecher der Behörde erklärte, man wolle eine Sicherungsverwahrung gegen Silvio S. erreichen.
Wenige Tage später legen auch die Verteidiger Revision gegen das Urteil ein.
28. April 2017: Der Bundesgerichtshof (BGH) in Leipzig weist den Revisionsantrag der Verteidiger von Silvio S. ab. Das bedeutet: Eine zeitige Entlassung aus der Haft – etwa nach 15 Jahren – ist ausgeschlossen. In Fällen besonders schwerer Schuld beträgt die Haftzeit in der Regel 25 Jahre.
28. Juni: Der Bundesgerichtshof in Leipzig hat das Urteil des Landgerichts Potsdam aus dem Jahr 2016 gegen den zweifachen Kindermörder Silvio S. in Teilen aufgehoben. Neu entschieden werden muss über die Frage, ob gegen den 34-Jährigen Sicherungsverwahrung verhängt wird.
10. Mai 2019: Das Landgericht Potsdam muss nach einer Entscheidung des BGH erneut prüfen, ob bei Silvio S. ein Hang zur Begehung weiterer schwerer Straftaten vorliegt und eine Sicherungsverwahrung nach der Haft erforderlich ist. Das Landgericht hat für vorerst drei Tage angesetzt.
Quelle/RBB/Medienagenturen.
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